Im Sommer 2022 konnte ich endlich mein Traumprojekt realisieren an dem ich vor zwei Jahren gescheitert bin. Eine Zecke hatte mir die Tour vermasselt - Borreliose.
Ganz im Osten der Zillertaler Alpen - weg vom Trubel - abseits von Skiliften und Seilbahnen - führt unsere Tour - mit Helga hatte ich eine ambitionierte Partnerin an der Seite - durch die Grenzgebiete der Länder Salzburg, Tirol und Südtirol - ein verstecktes Paradies. Dort, wo sich in früheren Jahrhunderten die Schmuggler tummelten, steht uns mit der Überschreitung von sechs Gebirgspässen, allesamt über 2.700m hoch, so manche alpine Herausforderung bevor.
Ausgangsort unserer Wanderung ist Krimml, ein Bergdorf auf 1.100m im Pinzgau; mit der Bahn von Koblenz aus gut erreichbar.
Am nächsten Morgen öffnet sich ein Hochtal wie eine Arena vor uns. Der vor uns liegende Gletscher speist die Krimmler Ache mit Schmelzwasser welches nach rund 20km über den größten Wasserfall Europas in das Tal der Salzach hinabstürzt. Vorbei an einigen Almkäsereien wandern wir bis zum Talschluss. Nach einigen Kehren und Bachüberquerungen erreichen wir die Warnsdorfer Hütte. Sie liegt im letzten Eck Salzburgs, am Fuße des Krimmler Kees.
Helga hat sich verliebt - zunächst in Apatit und Rutil und als wenn das nicht genug wäre dann auch noch in Bergkristall und Rauchquarz - in die funkelnde Wunderwelt der Tauern. Geologiestudenten der Uni Graz sind auf MineralienTour (mit Genehmigung) und besprechen ihre Funde am Abend gemeinsam mit uns am Tisch. Es ist eine Zeitreise, denn die Gletscherschmelze hat seltene Mineralien freigegeben. Wir beschließen spontan noch eine weitere Nacht auf der Warnsdorfer zu bleiben. Es passt in unseren Zeitplan.
Gamsspitze
Zum Gipfel des Hausberges der Warnsdorfer Hütte, die Gamsspitze - 2.888m - geht es über steile Gletscherschliffe, Schutt und Fels, später über eine Gratschneide bis zum Kreuz. Wir haben den Gipfel ganz allein für uns. Von hier oben erleben wir die Größe und die Schönheit der beiden Gletscher Obersulzbachkees und Krimmler Kees. Ihre gewaltigen Bruchzonen und Spaltensysteme reichen direkt bis an unsere Füße heran. Die zwei Paradegipfel - Großvenediger und Dreiherrenspitze - stellen sich uns zur Schau. Nebelschwaden lassen die Kürsinger Hütte in der Ferne ab und zu durchblicken. Wir fühlen uns klein unter dem Zauber dieser Naturgewalten.
Wir gehen weiter zur nördlichsten Hütte Italiens. Der Rand eines Tiefs streift durch unser Gebiet. Mit viel Glück haben wir im Tal einen reißenden Gletscherabfluss vom Krimmler Kees ohne Steg überquert. Es folgt ein steiler Aufstieg bei Nebel, Regen und Wind zur Birnlücke. Der 1. Pass ist geschafft. Vor uns befindet sich das einzigartige Ahrntal an der Sonnenseite der Zillertaler Alpen. Durchnässt kommen wir in der Birnlückenhütte an und werden herzlich empfangen. Wir treffen in der Hütte eine junge Frau wieder, eine Weitwanderin, die dem Ruf des Camino auf den Jakobsweg folgt. Am Abend entwickeln sich nette Hüttengespräche mit den italienischen Bergfreunden vom Nachbartisch.
Birnlückenhütte -- Richterhütte
Die Sonnenstrahlen spielen am frühen Morgen mit den restlichen Nebelfetzen - ganz Südtirol ist auf den Beinen - es ist Sonntag. Auf dem Lausitzer HW sind wir dann wieder allein mit der eindrucksvollen Weite, der Stille und der Überlegenheit der Berglandschaft. Wir befinden uns in einer wunderschönen und faszinierenden aber auch in einer schroffen und abweisenden Welt. Wir überqueren die Pfaffenschneide, die Krimmler Tauern und die Windbachscharte, die Pässe 2, 3 und 4. Auf schwierig zu gehendem Terrain erreichen wir nach einem langen, sonnenreichen Tag die Richterhütte, eine urige einsam gelegene Schutzhütte im Nationalpark.
Von der Richterhütte wandern wir auf einem landschaftlich sehr schönen Hüttenübergang - an vielen Bergseen vorbei - zur Zittauer Hütte. Die Zittauer Hütte befindet sich in einer außergewöhnlich schönen hochalpinen Lage über dem Talschluss des Wildgerlostals. Nach dem knackigen Aufstieg zur Roßkarscharte, Pass Nr. 5, erreichen wir über den Oberen und Unteren Gerlossee unser Tagesziel.
Zittauer Hütte -- Krimmler Tauernhaus
Heute steigen wir vom zerklüfteten Hochland des Wildgerloskees hinab in ein malerisches Hochtal, dem Krimmler Tauerntal. Zunächst aber aufwärts zur Rainbachscharte, Pass Nr. 6. Von dort führt uns ein steiler ausgesetzter, teils mit Stahlseil versicherter Abstieg in das Rainbachkar hin zum Rainbachsee auf 2.400m. Der See lädt uns zu einer Rast ein. Wir erfreuen uns über den besonders schönen Ausblick auf den Krimmler Kees, das Achental und die Dreiherrenspitze und natürlich über das tolle Wetter. Wir sind allein - wir nehmen ein Bad im See - das Wasser ist eiskalt . . . Vom See geht es bergab; Latschen werden zunächst von Zirpen später von Lerchen abgelöst. Im schönsten Hochtal der Tauern - dem Krimmler Tauerntal - übernachten wir im Krimmler Tauernhaus - mit der ältesten Gaststube des Oberpinzgaus.
In langer, angenehmer Wanderung, vorbei an wunderschönen bewirtschafteten Almen, streben wir auf die Krimmler Wasserfälle zu, deren Faszination auch wir uns nicht entziehen können. Sie zählen zu den eindrucksvollsten Naturschauspielen der Welt. Tosende Wassermassen brausen spektakulär 380m in die Tiefe. Die Sonne zaubert aus dem Wassernebel ein mystisches Farbspiel.
Tälerhopping -- Kitzsteinhorn
Der Postbus bringt uns vom Krimmler Achental durch das Salzachtal in das Tal der Kapruner Ache.
Mit Gletscherjets schweben wir über den Schmiedingerkees bis zur Aussichtsplattform Top of Salzburg. Der NW-Grat-Klettersteig führt uns direkt zum Gipfel des Kitzsteinhorns - 3.203m - dem Wahrzeichen über dem Zeller See. Das 360° Panorama genießen wir aber nur kurz. Das Große Wiesbachhorn, das Heinrich-Schwaiger-Haus und die beiden Stauseen Mooserboden und Wasserfallboden verschwinden langsam im Nebel.
In Kaprun erlauben wir uns einen ganz besonderen Abschluss unserer Bergtour . . .
Wir kommen zurück in unsere Heimat aus einer Welt, die wir staunend erleben durften.
Der Osten der Zillertaler Alpen - ein wildes, naturbelassenes Gebiet mit unberührter landschaftlicher Vielfalt - einmal anders.
Volker Glöß
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