Unsere Spaghettitour begann mit einer Akklimatisierungstour auf die Tête Blanche. Schon beim Aufstieg bin ich in eine Spalte gerutscht. Eine andere Seilschaft, wollte mir zu Hilfe kommen und ist dabei prompt selbst mit in die Spalte gerutscht. An der Hütte hatte er vorher noch groß angekündigt: „Wir sehen uns auf dem Gipfel!“ Ich musste schon ziemlich lachen, als wir uns stattdessen kurze Zeit später gemeinsam unten in der Spalte wiedergefunden haben.
Zum Glück verlief der Rest der Akklimatisierungstour deutlich ruhiger und wir konnten den großartigen Ausblick auf das Matterhorn genießen. Leider hat Steffis Fuß im Laufe der Tour immer mehr Probleme gemacht, sodass für sie die Tour dort zu Ende war und sie nicht weiter mit aufsteigen konnte.
Am nächsten Tag startete dann die eigentliche Spaghettitour. Mit der Seilbahn fuhren wir auf das Kleine Matterhorn und stiegen von dort auf das Breithorn. Dort waren wir ehrlich gesagt erst einmal ziemlich erschrocken. Wir hatten uns unter einer Hochtour etwas anderes vorgestellt und standen plötzlich mitten auf einer regelrechten „Autobahn“ aus Menschen. Von Leuten ganz ohne Seil über Wanderer ohne Steigeisen bis hin zu Personen mit einfachen Spikes war alles dabei.
Nachdem wir diesen Trubel hinter uns gelassen hatten, wurde es zum Glück langsam ruhiger und wir konnten die eigentliche Hochtour genießen. Am Abend erreichten wir unsere erste Hütte, das Rifugio Guide della Val d’Ayas.
Für den nächsten Morgen war die Castorüberschreitung geplant. Wir entschieden uns, die Eisflanke mit Eisschrauben zu sichern.
Bei der zweiten Schraube, die Benni gerade setzen wollte, schaute ich nach unten und bemerkte, dass etwas mit meinem Steigeisen nicht stimmte. Der Mittelsteg war gebrochen. Damit war ziemlich schnell klar, dass wir die Tour an dieser Stelle abbrechen, abseilen und wieder zur Hütte zurückkehren mussten.
Dort gab es erst einmal Kaffee und Kuchen. Außerdem stand dort eine große Kiste mit Material herum, aus der wir tatsächlich ein passendes Steigeisen für mich auftreiben konnten. Unser Plan war nun, über das Tal zur nächsten Hütte, dem Rifugio Quintino Sella, zu gelangen. Blöd gelaufen, aber wir dachten uns: „Macht nichts, es geht weiter.“
Beim Abstieg kamen wir dann an ein Schild, auf dem irgendetwas auf Italienisch stand. Internet hatten wir natürlich auch keins. Nach der guten alten Bergsteigerweisheit „Was interessiert uns ein Schild, das wir nicht lesen können?“ sind wir einfach weitergegangen. Relativ schnell stellte sich allerdings heraus, dass dort wohl sinngemäß „Brücke kaputt, kein Weg“ stand. Einen Übergang über den mittlerweile ziemlich tobenden Bach gab es tatsächlich nicht. Also mussten wir weiter absteigen und einen Umweg nehmen, um überhaupt in Richtung der nächsten Hütte zu kommen.
Nachdem wir wieder im Aufstieg waren, zog in einer Rinne plötzlich ein Gewitter auf. Zuerst wollten wir noch abwarten, entschieden uns dann aber doch dafür, wieder ins Tal abzusteigen. Beim Abstieg kam dann tatsächlich noch einmal die Sonne heraus. Wir blieben trotzdem bei unserem Plan und stiegen weiter ab. Irgendwann fing es dann wieder an zu regnen. Da wir sowieso schon auf dem Weg ins Tal waren, konnten wir die unerwartete Dusche immerhin mit Humor nehmen und haben sie sogar ein bisschen genossen. Irgendwann erreichten wir, mittlerweile wieder komplett durchnässt, ein Dorf. Ich glaube, es war ungefähr 18 Uhr.
Wir waren müde, ein bisschen frustriert und mussten gleichzeitig feststellen, dass dort alles richtig teuer war. Schließlich fanden wir eine Unterkunft für drei Personen für 85 Euro inklusive Frühstück. Sie lag zwar etwas außerhalb, aber die Besitzer waren tatsächlich so nett, uns mit dem Auto abzuholen.
Das Frühstück am nächsten Morgen war dann echtes Luxusniveau. Nach dem bisherigen Verlauf der Tour haben wir uns den Magen ordentlich vollgeschlagen.
Unsere nächste Herausforderung bestand nun darin, aus diesem Ort ins nächste Tal zu kommen, um von dort zur Gnifettihütte aufsteigen zu können. Mit dem Auto wären es zwei bis drei Stunden gewesen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln gab es dagegen praktisch keine sinnvolle Verbindung. Wir fanden aber eine Seilbahn, die wir nach ungefähr 1000 Höhenmetern Zustieg erreichen konnten.
Gesagt, getan. Von dort mussten wir insgesamt fünfmal umsteigen und anschließend noch einmal ungefähr 400 Höhenmeter aufsteigen, bevor wir endlich die Capanna Gnifetti erreichten. Erfreulicherweise lief diesmal tatsächlich alles nach Plan. Keine Seilbahn war geschlossen, keine hatte gerade Pause und irgendwie kamen wir tatsächlich überall weiter. Der ganze Spaß kostete uns dann auch nur etwa 60 Euro pro Person. Zum Glück waren wir in Italien und nicht in der Schweiz.
An der Capanna Gnifetti waren wir dann allerdings wieder etwas überrascht von den Menschenmassen. Dort war richtig viel los und mit der Ruhe der vergangenen Tage war es erst einmal vorbei.
Für den nächsten Tag war das Wetter am Morgen miserabel gemeldet. Sturm mit Böen um die 120 km/h. Und genau so fühlte es sich auch an. Übrigens sind Toiletten bei Sturm noch einmal ein ganz besonderes Erlebnis. Der kräftige Luftzug von unten sorgt dafür, dass man froh ist, wenn nichts den Weg wieder nach oben findet.
Beim Frühstück machte jedenfalls niemand ernsthafte Anstalten, direkt loszugehen. Gegen 9:30 Uhr entschieden wir uns dann aber doch, aufzubrechen. Uns kamen einige Gruppen entgegen, die ihr Glück offenbar etwas zu früh versucht hatten. Durchgefroren, erschöpft und sichtlich froh, wieder auf dem Weg zurück ins Warme zu sein.
Der Sturm war zwar noch da, aber deutlich besser als zuvor. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und unserer mittlerweile doch spürbaren Erschöpfung entschieden wir uns, an diesem Tag nur bis zur Capanna Regina Margherita zu gehen. Am Nachmittag erreichten wir die höchstgelegene Hütte der Alpen auf der Signalkuppe auf 4554 Metern. Wir gönnten uns dort ein Stück Pizza und eine Cola. In dieser Höhe war das schon ein echter Genuss.
Dort war es erstaunlicherweise ziemlich ruhig. Vermutlich lag das ebenfalls am Wetter. Für uns war das perfekt und wir konnten die ungewohnte Stille richtig genießen. Nach den ganzen Erlebnissen der letzten Tage war die Nacht erstaunlich erholsam.
Am nächsten Morgen stiegen wir über den Grenzgletscher wieder ab. An der Monte Rosa Hütte machten wir noch einen Zwischenstopp und feierten Johannes' Geburtstag mit einem Stück Kuchen. Danach ging es weiter in Richtung Gornergratbahn.
Auf dem Weg dorthin wurde ich beinahe noch von einem einzelnen, handgroßen Stein getroffen. Mein Pech oder vielleicht auch Glück, denn getroffen hat er mich zum Glück nicht. Auch beim Steigeisen hatten wir im Nachhinein betrachtet wohl Glück im Unglück. Der Mittelsteg ist an einer Stelle gebrochen, an der wir es rechtzeitig bemerkt haben und noch reagieren konnten. Wäre das an einer ungünstigeren Stelle oder in einem anderen Moment passiert, hätte die Geschichte vermutlich ganz anders ausgesehen.
An der Gornergratbahn angekommen, stellten wir dann fest, dass die Fahrt fast 70 Franken pro Person kosten sollte. Wir rechneten kurz gegen „wie viel Pizza können wir davon kaufen“ und das Schild „Zermatt 2,5 Stunden“ und entschieden uns ein weiteres Mal für den Abstieg.
Also hatten wir noch einmal einen Tag mit über 3000hM Abstieg geschafft.
Damit endete unsere etwas andere Spaghettitour. Sie war definitiv nicht so verlaufen, wie wir sie geplant hatten. Statt einer klassischen Tour mit mehreren Viertausendern gab es Spalten, ein kaputtes Steigeisen, eine kaputte Brücke, Gewitter, Sturm und jede Menge Improvisation.
Dafür hatten wir aber mindestens genauso viele gute Momente, viel zu lachen und vor allem einen starken Zusammenhalt in der Gruppe. Am Ende waren es nicht unbedingt die geplanten Gipfel, die diese Tour besonders gemacht haben, sondern all die Dinge, die unterwegs passiert sind und die wir vermutlich noch sehr lange erzählen werden.