© Peter May

Von der Lahn auf den Taunuskamm: Radtour durchs Aartal zur Hohen Wurzel (618 m)

Ein Bericht von Peter May

04.08.2026

Auf das Aartal (nicht zu verwechseln mit dem Ahr-Tal in der Nordeifel) bin ich zum ersten Mal vor einigen Jahren aufmerksam geworden, als dort ein autofreier Rad-Erlebnistag veranstaltet wurde. Die Aar ist ein kleiner Nebenfluss der Lahn, der im Taunus entspringt und bei Diez in selbige mündet. Durch das im Unterlauf weite, im Mittellauf enge und vielfach gewundene Tal der Aar führt die Bundesstraße B 54, die eine wichtige Verkehrsverbindung zwischen dem Limburger Becken und dem Rheingau und entsprechend stark frequentiert ist. Nachdem ich es nicht geschafft hatte, an einem der autofreien Tage durchs Aartal zu fahren und die Veranstaltung in den letzten Jahren ausgefallen war, wollte ich die Tour an einem „normalen“ Tag mit Autoverkehr unternehmen, und, da die Aartal-Strecke mit nur 30 Kilometer Länge die Anfahrt alleine nicht lohnte, als Sahnehäubchen obendrauf noch die Befahrung der Hohen Wurzel (618 m) auf dem Taunus-Hauptkamm dranhängen. Alles in allem würde das beim Start in Diez auf 120 Meter Meereshöhe mit etwa 80 Kilometer Strecke, gut 500 Aufstiegs-Höhenmetern und geschätzten vier Stunden Fahrzeit eine lohnende Halbtagestour ergeben. Das Problem des zu erwartenden motorisierten Verkehrs versuchte ich zu umgehen, indem ich erstens an einem verkehrsarmen Sonntagmorgen und zweitens so früh wie möglich am Startpunkt in Diez losfahren wollte. Dadurch könnte ich meine Radrunde schon beendet haben, ehe der geschäftige Tag erwacht und die Straßen voll werden. Es bot sich also ein Termin um die Sommersonnwende an, bei der die Nächte am kürzesten sind, so dass ich in der ersten Morgendämmerung gegen halb fünf in der Frühe starten könnte. 

Und so mache ich es dann auch. Genau am Tag der Sommersonnwende 2026, dem 21. Juni, einem Sonntag, klingelt zur nachtschlafenden Zeit um 3:00 Uhr der Wecker. Mit dem Rennrad im Kofferraum geht es rasch von Koblenz über die Autobahn nach Diez an der Lahn. Es ist ein Lotto-Spiel: von Westen rückt eine Gewitterfront heran, die sich aber laut Wetterbericht vor Ort auflösen soll. Der zartrosafarbene Himmel im Osten lässt auch darauf hoffen – also fahre ich los. Um 4:20 ist es allerdings noch so dunkel, dass ich den Radcomputer nicht ablesen kann und auf der Fahrbahn keine Details erkenne. Das dürftige Licht reicht aber leidlich aus zum Zurechtfinden auf der Straße. Außerdem ist es angenehm mild, so dass ich mit Kurz-Kurz durchaus angemessen gekleidet bin. Tatsächlich ist es auf der Bundesstraße erfreulich ruhig. In der ersten halben Stunde überholt mich nur ein einziges Auto. Mit wenig Steigung, komfortablem Straßenbelag und ausgeruhten Beinen komme ich gut voran. Ich genieße die Morgenstille, die verschlafenen Dörfer und die gerade erwachende Natur. Allein – rechterhand, aus Westen kommend, ziehen immer dichtere, dunkle Wolken heran, aus denen es zunehmend heftig blitzt und donnert. Ich halte an, ziehe das Smartphone aus der Rückentasche und werfe einen sorgenvollen Blick auf das Niederschlagsradar: jetzt ist es klar, das Gewitter bewegt sich schnell auf mich zu und wird unweigerlich über mich hinwegziehen. Es gibt kein Entrinnen und ich bin erst 16 Kilometer gefahren. Was tun - Weiterfahren und nass werden? Irgendwo unterstellen und das Unwetter aussitzen? Kurzerhand beschließe ich, umzukehren in der Hoffnung, es noch im Trockenen zurück zum Auto zu schaffen. Mit der Angst im Nacken und die drohende Gewitterfront zur Seite gebe ich Vollgas – nichts wie weg von hier. Aber es kommt, wie es kommen muss: am großen Kalksteinbruch bei Hahnstätten, noch 7 Kilometer vom rettenden Auto entfernt, erwischen mich die ersten Regentropfen. Verzweifelt kämpfe ich mich durch den einsetzenden Platzregen, die Blitze sind jetzt direkt über mir. Hoffentlich geht das gut! Das Wasser steht mir in den Schuhen, als ich endlich das schützende Auto erreiche. Begossen wie ein Pudel geht es direkt nach Hause. Dieses Mal habe ich mich beim Wetter-Lotto eindeutig verzockt. 

Ich gebe mir eine zweite Chance. Exakt eine Woche später, am 28. Juni versuche ich es erneut mit der Aartal-Hohe Wurzel-Radtour. Es ist heute zwar nicht der längste, dafür aber der heißeste Tag in Deutschland seit Menschengedenken. In Brandenburg werden zum Höhepunkt der Hitzewelle historische 42 Grad Celsius gemessen, in Andernach und Trier über 41 Grad. In der Tropennacht hat es nicht unter 25 Grad abgekühlt, so dass ich bei angenehmen Temperaturen um viertel vor Fünf Uhr, wiederum in Diez an der B 54, losfahre. Diesmal ist das Wetter stabil. Erst für am Nachmittag sind Hitzegewitter angekündigt und so sehe ich einigermaßen entspannt einer genussvollen Radtour entgegen. Wie beim letzten Mal ist es recht still auf der Straße. Erst allmählich tauchen vereinzelt Autos und ein paar andere Rennradler auf. Die Landschaft ist etwas eintönig, vor allem auf dem zwölf Kilometer langen Waldstück zwischen Aarbergen und Bad Schwalbach. Das kurvenreiche Stück ist offenbar eine beliebte Motorrad-(Raser-) Strecke, wie große Warnschilder mit der minutiösen Aufzählung der in den letzten Jahren verunfallten und getöteten Biker mahnen. 

Ich bin heilfroh, dass hier zur frühen Stunde nur ganz wenige Fahrzeuge unterwegs sind und ich unbehelligt bleibe. Nach gut 30 Kilometern auf der flachen Bundesstraße biege ich bei Seitzenhahn von der B 54 ab und halte auf den Taunus-Hauptkamm zu. Sofort geht es richtig steil die Talflanke hinauf. Die letzten fünf Kilometer sind sportlich, es geht noch mal knapp 300 Höhenmeter aufwärts. Dann stehe ich am Fuß des weithin sichtbaren Funkturms, höher geht es mit dem Rennrad nicht mehr. Hier ist auch mein Umkehrpunkt. Ich gönne mir eine kleine Pause, esse einen Riegel und mache ein paar Fotos. Richtung Süden kann ich durch die wenigen, vom Waldsterben verschonten Bäume hindurch den dicht besiedelten Rheingau erkennen und dahinter in der dunstigen Ferne die buntgescheckte Landschaft Rheinhessens. Über mir nur ein blitzblauer Himmel und die gleißende Morgensonne. Schön ist das, so muss es sein. Ich mache mich auf den Rückweg, die Strecke ist dieselbe wie auf der Hinfahrt. Da es jetzt immer talwärts und damit bergab geht, komme ich flott voran. Es ist ein Spaß, auf der leeren, abschüssigen und gut ausgebauten Straße mal richtig Gas zu geben. Immerhin 73 Sachen erreichte ich heute. Auf der Aartal-Straße ist es mit Rollen vorbei und ich trete kräftig rein, um bald wieder am Auto zu sein. Unterwegs gibt es noch zwei malerische Burgruinen zu bestaunen, ansonsten ist die Fahrt ziemlich ereignislos. Gegen acht Uhr wird es langsam belebter auf der Straße und ich bin froh, als ich um 8:38 Uhr meine Fahrt am Ausgangspunkt beenden kann. Rad eingeladen, ab nach Hause zum Frühstück mit der Familie und dann den restlichen Sommersonnentag hochzufrieden mit dem Erreichten im schattigen Garten verbracht. 

Insgesamt kostete die Radtour 3:30 Stunden Fahrzeit bei 83 Kilometern Strecke und 570 Höhenmeter im Aufstieg. Ein weiteres, lang erträumtes Ziel ist damit erfolgreich abgehakt, wenn auch erst im zweiten Versuch. Neue Ziele, andere Tourenträume werden folgen – und, so Gott will, auch deren erfolgreicher Abschluss.