Am folgenden Tag wurde es ernst – so ernst, wie es in unserer Gruppe eben werden konnte. Wir begannen damit, die Umgebung der Hütte zu erkunden und die ersten praktischen Inhalte anzugehen. Zunächst übten wir das Anlegen von Spuren im Schnee, bevor wir uns den Rutsch- und Ausgleitübungen widmeten. Je nach Ausgangsposition funktionierte das Selbstbremsen anfangs mal besser und mal schlechter. Nach einigen Versuchen fühlten wir uns jedoch alle deutlich sicherer, im Ernstfall rechtzeitig zum Stehen zu kommen.
Am Nachmittag fanden wir uns bei winterlichen Temperaturen im Seminarraum unter dem Dach der Hütte ein. Während Jonas vorsorglich in zwei Wolldecken eingewickelt war, besprachen wir die Organisation des benötigten Materials. Anschließend führten uns Adrian und János die Spaltenbergung in der Dreierseilschaft mittels loser Rolle vor.
Diese Technik durften wir bereits am nächsten Tag in entspanntem Gelände selbst anwenden. Darüber hinaus wurde uns die klassische Spaltenbergung demonstriert, und wir lernten den Mannschaftszug sowie das Anseilen in der Sechserseilschaft mittels Ziehharmonika-Technik kennen.
Am Nachmittag stand erneut Theorie auf dem Programm. Wir erhielten eine ausführliche Einführung in die Tourenplanung und beschäftigten uns mit weiteren wichtigen Themen wie der Seildisziplin. Den krönenden Abschluss bildete Peters Vorstellung seines Garmin InReach. Die Präsentation war derart detailliert und überzeugend, dass wir uns anschließend ziemlich sicher waren, einen verdeckten Garmin-Vertriebsmitarbeiter in unseren Reihen zu haben.
Besonders beeindruckt schien Bjarne gewesen zu sein. Peters Vortrag hatte offenbar einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass er nachts im Schlaf begann, über Garmins hauseigenes Satellitensystem Iridium zu sprechen. Das nenne ich wahres Verinnerlichen von Lehrinhalten.
Wir starteten früh, denn an diesem Tag stand die erste Hochtour der Woche auf dem Programm: der Johannisberg (3.453 m ü. A.). Zum ersten Mal legten wir die Steigeisen an, seilten uns als Seilschaft an und betraten die Pasterze. Für mich war dieser Moment etwas Besonderes. Die gewaltige Gletscherlandschaft wirkte beinahe unwirklich, und ich konnte mich kaum sattsehen.
Nach gut zwei Stunden Gehzeit erreichten wir den Gipfel des Johannisbergs und wurden mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt: Man sah nichts. Gar nichts. Der Gipfel war vollständig in Wolken gehüllt, und auf den letzten Metern betrug die Sicht stellenweise kaum mehr als fünfzig Meter. Doch auch ohne Panorama war es ein besonderer Moment, schließlich zählt der Weg bekanntlich genauso viel wie das Ziel.
Beim Abstieg betraten wir erstmals die Spaltenzone. Dort konnten wir die am Vortag erlernte Spaltenbergung mittels loser Rolle in ernsthaftem Gelände anwenden – selbstverständlich stets durch zusätzliche T-Anker unserer Ausbilder abgesichert. Einer nach dem anderen verschwand über die Schneekante, bis schließlich jeder Teilnehmer alle drei Positionen der Rettungskette einmal durchlaufen hatte.
Eines stand jedoch fest: Das Getränk auf der Hütte nach diesem langen und fordernden Tag hatten wir uns mehr als verdient.